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Dezember 2012

Rückblick

Meine Angst vor Mittelamerika

Wenn ich das gewusst hätte, dass es so viele Probleme gibt durch Mittelamerika zu reisen, wäre ich das Abenteuer nie eingegangen. Ich bin froh, dass ich es nicht gewusst habe! Um die Zeit zu überbrücken bis unsere Bonita endlich Panama erreicht, entschieden wir unsere für eine Karibikkreuzfahrt.

Eigentlich wollten wir ja in Colon (Panama) unsere Kreuzfahrt beenden, da das Land aber durch die heftigen Regenfälle unter Wasser stand, durften wir noch eine Station weiterfahren nach Puerto Limon (Costa Rica).

Wir standen da am Hafen von Puerto Limon, wie bestellt und nicht abgeholt mit unserem Gepäck (4 Koffer, 5 Rucksäcke, 1 Reisetasche, Karton mit Pflegematerial und 3 Umhängetaschen). Das rief natürlich sehr viele „Taugenichtse“ auf den Plan, uns (sich selber) zu helfen. Was machen wir bis Bonita ankommt am 7 Dez. und wo übernachten wir und wie kommen wir zurück nach Colon? Lauter Fragen, da kam uns die „amigos“ zur Hilfe. Amigos gibt es hier in Mittelamerika sehr viele, lauter gute Freunde, die „nur“ helfen wollen. Dieser Umstand bescherte uns einen Taxifahrer, der uns nach Cahuita brachte und ein tolles Hotel wusste, direkt am Meer. Zuerst gab es aber noch eine Taxifahrt, die ich auch nie mehr vergessen werde. Da es für mich das einfachste ist, im Rollstuhl zu bleiben während der Fahrt, entschied ich mich, hinten in den Bus zu steigen samt Rolli (nicht Rene). Ich habe natürlich nicht damit gerechnet, dass die Strassen so schlecht sind in Costa Rica und die Fahrer sich nicht an die Strassenverhältnisse anpassen. Bei jeder Unebenheit sprang ich samt Rollstuhl 5 cm in die Höhe und von diesen gab es nicht wenige. Ich war froh beim Hotel anzukommen, die Strapazen haben sich aber gelohnt, als wir beim Hotel Park ankamen. Ein tolles Hotel, schön ruhig, direkt am Meer und nahe beim herzlichen Städtchen Cahuita. Super, hier lässt sich die Zeit bis zur Ankunft von Bonita am 7.Dezember überbrücken…
Ok, organisieren wir 2-3 Ausflüge, da wir sahen, dass der Linienbus rolligängig war, tolle Sache dachten wir…

Das Abenteuer beginnt am nächsten Tag. Wir planten einen Ausflug in den Veraguas Regenwald mit dem Linienbus. Dies war lebensgefährlich, der Fahrer fuhr wie von der Tarantel gestochen, am Anfang regte ich mich noch auf, dann hoffte ich einfach nur noch, dass die Fahrt so schnell wie möglich vorbei ist und ich sie überlebe. Jetzt war ich geimpft für die nächsten Ausflüge, dies mache ich nicht mehr mit. Der Park war spitzenmässig, Faultiere, Schlangen und Affen säumten unseren Weg durch den super rollstuhlgängigen Park. Am Schluss fuhren wir noch mit der Gondelbahn über den Urwald, der hohe Eintrittspreis hat sich gelohnt. Der Rückweg im Taxi war dann sehr entspannend, da mich Rene vorne ins Taxi hob. Wau, das war ein Wechselbad der Gefühle. Am nächsten Tag wurde ich übermütig und wir machten eine Bootstour in einer Nussschale. Sind früh aufgestanden, um Delphine anzuschauen. Sahen zwar keine, aber es war trotzdem eine tolle Fahrt. Für die Weiterreise habe ich eine enorm wichtige Erfahrung gemacht.

Als wir am nächsten Morgen aufstanden, war der „Samichlaus“ da und hat uns allen ein Armbändchen gebracht mit einer Schildkröte aus Porzellan. Super Idee von Jenny, das symbolisiert unseren Zusammenhalt und den brauchen wir die nächsten 8 Monaten, d.h. heute schon. Dieser Tag sollte der Intensivste werden von unserer Reise bis jetzt. Das Taxi kam wie abgemacht um die vereinbarte Zeit, es war ähnlich hoch wie ein VW-Bus, wau wie soll ich da rein. Rene nahm mich über die Schulter und stellte mich auf meinen Füssen auf und hob mich ins Auto, dies ging ja sehr gut. Jetzt wusste ich, dass dies gut kommt mit dem heutigen Tag. Also fuhren wir vollgestopft bis zum letzten Plätzchen Richtung Grenze. An der Grenze mussten wir samt unserem Plunder aussteigen und über die Grenze nach Panama zu Fuss watscheln und es wollte uns jeder helfen, natürlich nicht aus Nächstenliebe.

Wir hatten allerhand zu tun, um den Überblick auf unser Gepäck zu waren. Es gelang uns mit grosser Aufmerksamkeit.

An diesem Tag hatten wir über 30 Grad und wir waren froh als wir auf der anderen Seite wieder unseren Krempel versorgen durften. Auf ins nächste Taxi an die Atlantikküste nach Almirante, wo wir übernachten wollten, um am nächsten Tag per Fähre zu den Bocas weiter zu ziehen. Wie meistens kam dann eh alles anders, denn wir fanden kein rollstuhlgängiges Hotel, also informierten wir uns über den Preis eines Wassertaxis. Wau, das war ja eine Hammerfahrt in dieser Nussschale, vor allem auf offener See und bei diesem Wellengang. Auf jeden Fall waren wir alle nass, aber es war geil. Auf der anderen Seite waren wieder lauter Freunde, die uns alle helfen wollten… Also mussten wir unser Gepäck wieder gut im Auge behalten, dass nichts abhandenkommt. Nach 5 mal anhalten an einem Hotelsteg hatten wir unseres gefunden, natürlich auf Stelzen ans Ufer gebaut. Tolle Sache, dachten wir und richteten uns ein. Zuerst musste ich trocken gelegt werden, da ich bis auf die Unterhosen nass war.

Die nächste Überraschung kam in der Nacht. Wir waren alle so müde, dass um 10 Uhr Nachtruhe war, dachten wir. Das Hotel lag neben einer Disco mit ohrenbetäubender Technomusik. Wau, dies war ja eine Nacht, bis 3 Uhr war nix mit einschlafen und wir waren den nächsten Tag fix und foxi. D.h. wir mussten unsere Strategie ändern und machten den Tag zur Nacht und umgekehrt.

Am nächsten Tag schauten wir uns das Städtchen Bocas Town an, dass auf der Isla Colon liegt. Ein interessantes Städtchen mit viel ausgenutztem Potential, aber halt am Abend Partytime und nichts mit Ausruhen in der Nacht. Also legten wir uns am Nachmittag hin und erledigten unsere Sachen nach dem Essen, um dann in das Nachtleben einzutauchen. Ja, die Strategie ist ja gut und recht, aber nicht so toll, wenn man am nächsten Tag etwas los hat. Weil der nächste Tag war vollgespickt mit Höhepunkten, wir haben ein Boot gemietet samt Fahrer und machten eine Inseltagestour (Red Frog Beach, Delphinbucht, Isla Bastimento). Wau, dies war einfach genial. Beim Red Frog Beach stieg ich auch aus, zuerst wollte ich zwar nicht, weil es halt immer mit viel Aufwand verbunden ist. War ich froh, dass sie mich überredet hatten, eine super Aussicht aufs Meer und den tollen Sandstrand. Also liess ich mir mein Buch geben, platzierte mich oberhalb der Klippen und fing an zu lesen. Was für ein feeling mit der Brandung im Hintergrund zu lesen.

Feliz Navidad

Es ist schon komisch, Weihnachten so weit weg von seiner Familie zu verbringen. Irgendwie kam im ganzen Dezember kaum Weihnachtstimmung bei uns auf, obwohl die Panameños uns den Anblick ihres kitschigen Weihnachtsschmucks nicht erspart haben. Im Melia-Hotel in Colón liefen jeden Tag etwa 15 verschiedene Weihnachtslieder in einer Dauerschleife. Nicht nur, dass wir dauernd die gleichen Lieder hören mussten, sie waren auch noch sehr scheußlich gesungen. René mutmaßte zur großen Erheiterung von Marcel, dass die CD wohl vom ortansässigen Kastratenchor aufgenommen wurde. Als wir unseren Ober baten, ob er vielleicht andere Musik auflegen könnte, entgegnete er nur, dass er selbst schon total genervt sei, dem Gequietsche aber kein Ende bereiten könnte, da die Besitzer des Hotels den Ohrenangriff einprogrammiert hätten. Am 24. Dezember war ein schöner, warmer und sonniger Tag. Ich bin noch nie Weihnachten draußen geschwommen. (Nur einmal an Silvester bei Schnee und Eis in Dänemark. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.) So richtig weihnachtlich war aber eigentlich nichts. Einfach ein ganz normaler Tag, an dem wir Einiges erledigten und wie jeden Tag auf Bonita warteten. Ich las auf Facebook, dass in Deutschland der Weihnachtsmann (von meinem Vater vertreten) schon längst bei meinen Cousinen und Cousins war. Es lag natürlich auch an den sechs Stunden Zeitverschiebung, dass in unseren Heimatländern schon alle besinnlich beisammensaßen, nur hier im warmen Panama fehlte einfach etwas für ein schönes Weihnachtsfest. So gegen 19:30 Uhr trafen wir Vier uns in der Bar, in der ich jedem meiner neuen Familienmitglieder ein kleines Geschenk überreichte. Dann gingen wir zum Essen. Wir freuten uns, diesem Abend mal keinen Kastratenchor hören zu müssen, denn uns wurde eine typische Band aus Panama versprochen. Stattdessen hackte der Mann am Keyboard verkrampft in die Tasten, während ihm der Schweiß von der Stirn  lief. Ich vermutete, dass er wohl die Band überfahren hatte und nun als Strafe selbst spielen musste. Wir aßen ein Weihnachtsbuffet und tranken Wein. Es war schon ein wenig trist. Anschießend wollten wir noch kurz in die Hotelbar und dann ins Bett. Tja, das sollte unser Weihnachtsfest in Panama gewesen sein. Die Kinder vom Nachbartisch stellten sich neben den schweißgebadeten Keyboarder und sangen gemeinsam mit ihm Weihnachtslieder  auf Spanisch. Beatrix und ich kamen hinzu, um den lieblichen Kinderstimmen zu lauschen. Eine Frau winkte Beatrix zu und sie winkte zurück. Eh wir uns versahen, hatte uns Martha schon umarmt und „Feliz Navidad“ gewünscht. Sie rief ihren Sohn Ismael herbei, da er gut Englisch sprach. Wir unterhielten uns kurz. Später kam die ganze Familie, die aus etwa zehn Leuten bestand, noch zu uns an den Tisch und umarmten uns und wünschten frohe Weihnachten. Das alleine brachte schon wenigstens etwas weihnachtliche Stimmung. Martha und ihr Mann, der genau wie sein Sohn und sein Vater auch Ismael heißt, luden uns in ihr Haus ein. Ismael der Dritte holte uns, nachdem er seine Familie zu Hause abgeladen hatte, im Hotel ab und brachte uns zu seiner liebenswerten Familie nach Hause. Es war so schön. Martha wollte, dass wir ein deutsches Weihnachtslied singen und brachte uns Haarbürsten, die als Mikrophon dienen sollten. Wir haben getanzt. Ismael Junior brachte mir Merenguetanzen bei. In Panama ist die Bescherung erst um Mitternacht, gefolgt von einem Feuerwerk. Es ist unglaublich, aber diese Familie hat vier wildfremde Menschen zu sich nach Hause eingeladen und dann auch noch beschenkt. Es hat mich total gerührt, als Beatrix und ich von Martha ein Weihnachtsarmband und Glöckchenohringe bekamen. Den Männern wurden Hosen geschenkt und Marcel noch eine Pudelmütze, die man in Panama wohl nur wegen den viel zu kühl eingestellten Klimaanlagen benötigt.

Am nächsten Tag haben wir mit dem kleinen Ismael einen Ausflug nach Portobello gemacht,  welches die erste Siedlung der Spanier in Panama war. Weiter ging es unter den Gatunschleusen vom Panamakanal hindurch zur Landzunge Rompeolas,  wo wir direkt am Meer zu Abend gegessen haben. Am nächsten Tag kam uns Ismael im Hotel besuchen. Abends kamen auch seine Eltern hinzu. Es fühlte sich so an, als wären wir alle schon sehr lange befreundet. Ohne die Hilfe dieser herzensguten Familie würden wir wahrscheinlich immer noch in Colón auf unsere Big Bonita warten und genau wie fast alles dort Schimmel ansetzen. Ein weiterer Ausflug mit Ismael führte uns nach Panama-City ins Ballett zu einer sehr schönen Inszenierung des Nussknackers von Tschaikowsky mit anschließender Stadtrundfahrt.  Silvester feierten wir auf der Isla Perico, von wo aus wir einen tollen Blick auf die Skyline von Panama-City hatten. Leider war hier etwas tote Hose an diesem Abend und auch die Fleisch- und Fischplatte im kolumbianischen Restaurant war nicht so bingo-bongo ( =  siehe Wortschatzerweiterung). Die letzten Minuten des ereignisreichen Jahres 2012 verbrachten wir damit, auf das Wechselgeld in der Bar „Bucanero“ zu warten. Dann haben wir total alleine auf dem Weg zum Hotel das neue Jahr begrüßt. Kein Mensch weit und breit. Wie spät es genau war, wussten wir auch nicht. Wir haben dann einfach irgendwann angefangen, den Countdown zu zählen und haben das Jahr 2013 begrüßt. Anschießend haben wir noch etwas dem Feuerwerk drüben in Downtown zugeschaut, was durch den Smok nicht so gut zu sehen war. Ja, das war unser etwas chaotisches Silvester 2012.
Aber dafür war der erste Januar 2013 umso schöner. Beatrix und ich waren shoppen und die Männer haben Schach gespielt. Am Abend wollte Ismael der Dritte kommen. Als Überraschung brachte er auch noch Martha und Ismael den Zweiten mit. Sofort war gute Stimmung. Wir haben aus Spaß Beatrix Tochter Doris mit Ismael Junior verkuppelt und die beiden Schwiegermütter haben sich schon gut verstanden. Beatrix sprach Italienisch und Martha Spanisch, dann kam noch etwas Schweizerdeutsch und Hände und Füße hinzu und es funktionierte super. Bei einem gemütlichen Abendessen im „Bennigans“ (einem irischen Pöp, der kein Guinness hatte), erzählte uns Martha, sie habe vier große Geschenke bekommen mit den Namen Marcel, Rene, Beatrix und Jenny. Beim Haare bürsten am Weihnachtsmorgen habe sie gewusst, dass sie uns treffen werde. Sie war zu Tränen gerührt als Marcel gesagt hat, wir haben Weihnachten mit unserer neuen Familie gefeiert. Sie dachte wohl, dass auch sie damit gemeint wäre, aber ätsch-bätsch zu früh geweint, Marcel meinte eigentlich nur uns vier.
Als wir Bonita endlich wieder hatten, kamen nochmal unsere neuen Freunde vorbei, um mit uns Bonitas Ankunft zu feiern. Es wurde zugleich ein tränenreicher Abschied. Martha sagte uns, „Mi casa es su casa“ und wir hätten immer ein Zuhause bei ihnen. Wir spaßten, dass wir uns spätestens alle auf  der Hochzeit von Doris und Ismael wiedersehen würden. Am vierten Tag des neuen Jahres verließen wir mit einem lachenden und einem weinenden Auge Colón und unsere frisch gewonnenen Freunde.

 

 


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