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Februar 2013

Nachtrag von Dezember:

Familie auf Zeit
Von den meisten Menschen, denen wir auf der Reise begegnen, werden wir für eine Familie gehalten. Wenn wir in einem Taxi sitzen, könnte ich darauf wetten, dass der Fahrer jeden Moment fragt, ob wir eine Familie sind. Es kommt mir jedes Mal wie ein déjà vu vor. Wir sagen dann, dass wir Freunde sind. Anschließend wird uns in den meisten Fällen entgegnet: „Wow, ihr müsst aber gute Freunde sein!“.  Das sind wir wirklich, denn „wenn man einen Freund hat, … braucht man sich vor nichts zu fürchten“ (Zitat aus „Oh wie schön ist Panama“ von Janosch). Aber vielleicht haben die vielen Taxifahrer richtig beobachtet: Wir sind nicht nur Freunde, wir sind eine Familie, eine Familie auf Zeit.
In geheimen Kreisen werden wir auch „Familia de Tortugas“ (Schildkrötenfamilie) genannt. Unsere Erkennungszeichen sind, der Pura-Vida-Pffffffft-Gruß (siehe Wortschatzerweiterung) und die kleine Schildkröte am Handgelenk. Sie symbolisiert Schutz, Lebensfreude und Zusammenhalt.
Ein kleines Beispiel: Ricky, unser Hotelier in Cahuita, hat Marcels Rollstuhl repariert. Nach der rasanten Fahrt im öffentlichen Bus, wäre fast die Rückenlehne gebrochen. Als ich ihm etwas Geld für seine Arbeit geben wollte, hat er abgelehnt. Er freue sich, wenn er meinem Vater eine Freude damit machen könne. Für ihn war es selbstverständlich, dass wir eine Familie sind. Bevor wir abgefahren sind, kam Ricki noch herbeigelaufen und rief mir zu: „Ich muss mich noch von deinem Vater verabschieden!“
Es ist auch schon vorgekommen, dass Beatrix auch für Marcels Mutter gehalten wird. Oh man, da hätte sie aber echt früh anfangen müssen. Diese Annahme kommt aber eher selten vor.
Es ist schon eine romantische Vorstellung, dass Eltern mit ihren beiden schon längst erwachsenen Kindern in den Urlaub fahren und dabei noch alle zusammen den Papa im Rollstuhl unterstützen. Wer wünscht sich nicht so eine harmonische Familie?
Uns ist aufgefallen, dass der Stellenwert der Familie in Mittelamerika sehr hoch zu sein scheint. Kinder leben noch sehr lange in der elterlichen Wohnung, was wahrscheinlich aber auch einen finanziellen Hintergrund hat.
Da ich sehr gerne Menschen um mich habe, ist es nicht so ein riesiges Problem für mich so viel Nähe zu spüren. D.h. ich genieße es, um Menschen zu sein, die mir vertraut sind und denen ich nicht immer alles erklären muss. Ich finde das sehr schön, wenn man einer Person in die Augen schaut und weiß wie sie sich fühlt. Dies gibt mir das Gefühl von Vertrautheit und dass man halt die Fehler der anderen akzeptiert und auf seinen Stärken aufbaut und nicht immer seine Schwächen ausspielt.
Dies ist für mich der Inbegriff für Zusammenhalt und dies ist für mich Freundschaft. Bei einer Familie geht das Ganze noch weiter, das heißt, da nimmt man die Person wie sie ist und arrangiert sich. Denn eine Familie sucht man sich nicht aus, eine Familie hat man. Wir hingegen haben uns ausgesucht. Weil eine Freundschaft ist begrenzt, eine Familie nicht. Zu einer Familie (auf Zeit) zähle ich uns nur teilweise. In manchen Situationen denke ich auch, dass wir dies nie sein werden, für das sind wir zu unterschiedlich und auch zu eigennützig. Wir sind vier Individualisten, die sich brauchen, damit die Reise weiter läuft.
Wenn Rolli mal frech wird, hat er immer die passende Entschuldigung: „Wie der Vater so der Sohn“. Ich sage in meinem Fall meistens: „Da kann ich nichts für, dass habe ich von Papa/Mama geerbt.“ oder „alles Erziehungssache“.
Beim Essen sind wir wahrscheinlich sogar schlimmer als eine Familie. Jeder probiert mal beim anderen. Da hat man auf einmal einen Löffel von rechts in seinem Kartoffelpüree und eine Gabel von links, die sich ein Stückchen Corvina-Fischfilet mopst, während man mit seinem bereits verwendeten Besteck Marcels Filet Mignon zerschneidet.
Aber auch unsere Kleidung wir brüderlich ausgeliehen. An heißen Tage leihe ich Beatrix, alias Schneewittchen (-> siehe Wikipediaeintrag,  den es noch nicht gibt) gerne mal eine meiner luftigen Hosen. Wenn ich Marcel morgens die Socken anziehe stelle ich hin und wieder fest: „Momentmal, dass sind doch meine!“ Dann entgegnet er meistens: „Da kann ich nichts dafür, ich bin unschuldig!“. Und ich sage dann wieder: „Das macht doch nichts, Papi, wir sind doch eine Familie!“ und rufe gespielt vorwurfsvoll zur Beatrix: „Mama, hast du wieder meine Socken in Papas Schublade gepackt!“ Es kommt auch vor, wenn wir mal zwei Wochen nicht zum Wäschewaschen kommen, dass ich mir eine Unterhose von Marcel ausleihen muss. Ich solle sie aber nach dem Tragen signieren, war seine Bedingung für den Verleih seiner besten Jack Wolfskin Unterhose. Also schrieb ich auf das gute Stück das Tagesdatum und „Ich war hier (drin), Jenny“.
Wir haben ja auch schon sooo viel zusammen erlebt, fast wie eine richtige Familie: Häufig werden Floskeln wie „wisst ihr noch früher“ oder „damals (vor 5 Monaten)“ verwendet.
Wir kennen uns schon so gut, dass wir oft schon wissen, was der andere als nächstes sagt. Machen wir beispielsweise ein Gruppenfoto mit Selbstauslöser, warte ich schon richtig auf Beatrix´ „quietsch-quietsch“ (-> siehe Wortschatzerweiterung). Oder wenn sie auf ein Tier zugeht, um es zu fotografieren, folgt zu 90 Prozent: „Ja sage mal, bist du aber `n netter!“
Wenn wir durch eine neue Landschaft fahren, egal ob es im Urwald mit Lianen und Affen, im Nebelwald, auf einem Vulkan oder am Ozean ist, sobald es eine Erhebungen gibt und seien es nur die Brüste der netten Bedienung im Restaurant, die Marcel so schön die Hände massiert hat, warten alle auf den königlichen Ausspruch: „Das sieht hier ja aus wie im Baselbiet!“.
Wie jede Familie haben auch wir vier einige Ausdrücke erschaffen, die typisch für unsere bonitanische Familie sind. Jedes Familienmitglied hat Begriffe eingebracht und einige sind einfach durch Situation oder Menschen, die wir getroffen haben entstanden. (siehe auch Wortschatzerweiterung)
Aber wir mussten auch erst zueinander finden, was mehrere Monate gedauert hat. Wir waren doch sehr verschieden und wenn man dann plötzlich von jetzt auf gleich rund um die Uhr sehr eng aufeinander hockt, eckt man schon hier und da mal gegeneinander. Natürlich ist es sehr schön immer nette Menschen um sich herum zu haben, aber irgendwann möchte jeder auch mal für sich sein, um einem Lagerkollaps zu entgehen. Gerade für Marcel ist das auch mal für sich sein nicht ganz so einfach.
Zitat Marcel:  „Für mich ist es eh immer schwer mich abzugrenzen oder für mich alleine zu sein, da ich halt immer Hilfe brauche und in Mittelamerika ist es noch viel schwieriger, da ich mich nicht alleine fortbewegen kann, da das meiste so unrollstuhlgängig ist. Wenn man zu Hause ist, dann kann man einfach in sein Zimmer gehen und sagen „So sorry Leute, ich haben jetzt die Schnauze voll von euch“. Das kann man hier nicht.“
Jeder von uns stand schon mal vor der Frage: „Machte das Ganze hier noch Sinn für mich?“ und hatte seine Tiefpunkte. Die Gruppe hat gelernt, damit umzugehen und die einzelnen Familienmitglieder stehen für einander ein. Ich weiß mittlerweile, dass ich mich auf meine Familie auf Zeit verlassen kann. Und das ist ein sehr schönes Gefühl, gerade, wenn man so lange und so weit weg von seiner leiblichen Familie, Lebenspartnern und guten Freunden ist.
Im Spanischen sagt man „Madre de leche“ – Mutter aus Milch -, wenn man die nicht die leibliche, sondern eine angenommene Mutter meint. Aber ich habe eine Mutter aus Seco Herrerano (Nationalgetränk aus Panama), einen Vater aus Jack Daniels und einen Bruder aus Bier. Wer kann das schon von sich behaupten?

 

Gefangen im Paradies

Was mache ich hier eigentlich?
Warum lasse ich meine Lieben zu Hause so lange alleine?
Wie geht es ihnen wohl wirklich?
Was machen sie dort die ganze Zeit?
Warum dreht sich die Welt in meiner Heimat auch ohne mich?
Wie tun sie nun alleine dieselben Dinge, die wir stets gemeinsam machten?
Wie wird es wohl sein, wenn ich wieder komme?
Was ist es, das die Schönheit Mittelamerikas mit Heimweh überdeckt?
Warum werde ich müde vom Reisen?
Wie kann mich das Reisefieber wieder packen?
Was ist mit meinen Mitreisenden passiert?
Warum lachen wir nicht mehr so viel?
Wie kriegen wir Bonita nur wieder warm?
Was kann uns helfen, dass Reisetief zu überwinden?
Warum können wir nicht genießen, was wir uns einst erträumten?
Wir kriegen, dass schon wieder hin!
Was für eine wertvolle Zeit wir hier haben, sollen wir nie vergessen!
Warum noch warten? -  Einfach genießen!

 

Das Teufelskleid

Es war einmal vor vielen, vielen Jahren. König Marcel von Bonitanien wurde von seinem Onkel Kurt, Herrscher von Honduras, zu einer großen Fiesta eingeladen. Also ließ er seine Luxuskutsche mit dem schönen Namen Bonita von seinem treuen Diener Rolli startklar machen. Nur drei Tage drauf reiste König Marcel in Gefolge von Rolli, seiner Gemahlin, der Königen Beatrix mit dem schönen Kleid und der Hofnärrin  Jenny ab und begab sich auf den langen, langen Weg von Bonitanien nach Honduras. Als Bonita endlich in Honduras, das Reich des großen Kurts, einrollte, wurden die Reisenden überschwänglich von Onkel Kurt und seinen Untertanen begrüßt. Es sollte die Fiesta des Jahres zu Ehren König Marcels werden. Wunderschöne Frauen in knappen Gewändern umschmeichelten den König, alles war geschmückt. Es gab Unmengen an Baleadas (die landestypischen Maismehlfladen mit Bohnenmus und Käsecreme) zu essen. Kurt hatte wirklich keine Kosten und Mühen gescheut und DJ Ismael extra aus Panama anreisen lassen. Mit seinem Song „And Party“ brachte er die Massen zum Beben. Ganz Honduras sang: „And Party, and Party an pa an pa and Party“.  Es war die größte Fiesta des Jahrhunderts, wenn nicht sogar die größte überhaupt. Alle feierten ausgelassen und tranken Royal-Cerveza aus Fässern. Niemand bemerkte, wie sich währenddessen etwas Unheimliches zutrug. Es löste sich eine der Teufelsfranzen, die mit ein wenig Phantasie auf  dem schönen Batikkleid  der Königin zu erkennen waren und erwachte zum Leben. Der gemeinsame Ur-Großvater von Marcel und Kurt hatte den ach so bösen Teufel vor 77 Jahren in den roten Stein verbannt, aus dem die Farbe für Beatrix´ Kleid stammte. Nun wurde der Bann gebrochen, da die Farbe und damit der Teufel zu seinem Ursprungsort zurückgekehrt waren. Der rote Teufel hatte nun mehr Kräfte denn je. Er ließ die Erde beben, Felder zu Bergen auftürmen und kochendheiße Lava aus den Vulkanen spritzen. Die Bevölkerung Honduras und König Marcel und sein Gefolge wurden in Angst und Schrecken versetzt. Der mutige Diener Rolli versuchte die böse Gestallt mit Teufelszeug (siehe Wortschatzerweiterung) zu besänftigen, doch es half nichts. Honduras drohte in der roten Lava zu versinken. Alles schien aussichtslos, doch dann kam König Cello auf eine bingo-bongo (siehe Wortschatzerweiterung)  Idee. Er rief seine Gemahlin herbei und bat sie seinen Mördernagel zu spitzen. Damit ging er dann auf den Teufel los. Rolli half mit den Döggelis (siehe Wortschatzerweiterung) und Jenny nahm sich die goldene Gabel des Königs zu Hand. Mit vereinten Kräften drängten sie den Teufel in eine Höhle. Als der Teufel schon am Boden lag, rief die Hofnärrin: „Schnell Kurt, du musst den Teufel verwandeln, ehe er wieder zu Kräften kommt!“ „Ich kann das aber nicht!“, entgegnete Kurt etwas hilflos. „Doch, du musst es können, dein Ur-Großvater konnte es doch auch!“, schrie Jenny. Kurt stand nur fragend da und wusste nicht mal in was der den Teufel verwünschen sollte. „Verwandel ihn in den Froschkönig! Los mach schon, die rote Lava wird uns sonst bald unter sich begraben!“ In diesem Moment war der Hofnärrin so auf die Schnelle einfach nichts Besseres eingefallen. Keiner weiß genau, wie es Kurt geschafft hatte oder ob der Geist des weisen Ur-Großvaters half,  jedenfalls quakte wenig später ein kleiner roter Frosch mit einer schwarzen Krone in der Höhle. Die Lavaströme stoppten abrupt nur wenige Meter von ihnen entfernt. Erleichterung machte sich breit und die Bevölkerung begann zu jubeln und sprang den Helden um die Hälse, die die Zerstörung Honduras, dank ihres Schneids, verhindert hatten. Der Einzige, der sich nicht freute, war der verwunschene Teufel. Er ärgerte sich schwarz, dass es schon wieder einem Nachkommen des edlen Staldergeschlechts gelungen war, ihn zu verbannen. Der Frosch hüpfte die kühle Höhlenwand hinauf, bis er an der Decke angekommen war. Wer sich heute in eine Höhle Mittelamerikas (zum Beispiel in die im Volcan Masaya National Park in Nikaragua) wagt, kann den Teufel in Form einer Vampir-Fledermaus noch an der kühlen, feuchten Höhlendecke hängen sehen. Und wenn er nicht gestorben ist, dann wartet er dort noch heute auf den erlösenden Schluck Blut eines Adligen des Staldergeschlechts, welcher den ach so bösen Teufel wieder herauf beschwören und damit den Bann brechen kann.

Anmerkung:
Diese Gute-Nacht-Geschichte habe ich in wenigen Minuten erfunden und sie Marcel im Camino Real Hotel bei unser ersten Übernachtung in Honduras erzählt. Zu Beginn wusste ich selbst nicht, wie sie enden würde. Der Präsidentschaftskandidat und Oppositionsführer  von Honduras Mauricio Villeda erinnert auf einigen Abbildungen wirklich an Kurt. Wir dachten erst Kurt sei der Präsident von Honduras und wir hätten deswegen keine größeren Probleme bei der Einführung von Bonita. Und mit etwas Phantasie ist auf  Beatrix‘ Kleid wirklich eine Teufelsfrazen zu erkennen.

Marcels Kommentar: „Eine sehr kreative Geschichte mit bekannten Personen, absolut ruckfrei erzählt. Ja, es wurde mir schon etwas mulmig als der Teufel kam und ich konnte später nicht so gut einschlafen.“

 

Costa Rica die Zweite

Nachdem wir das erste Mal etwas ungewollt und ohne unsere Bonita in Costa Rica gestrandet waren, haben wir es nun tatsächlich wieder mit unserem geliebten fahrenden Untersatz in das schöne Pura-Vida- Land geschafft.
Unser erster touristischer Anlaufpunkt war der Manuel Antonio Nationalpark. Obwohl er zu den kleinsten Nationalparks von Costa Rica gehört, zählt er schon alleine wegen seiner traumhaften Bilderbuchstrände, die zu den schönsten ganz Costa Ricas gerechnet werden, zu einem der beliebtesten und meistbesuchten Parks des Landes.
Unsere erste Aktion im Dörfchen Manuel Antonio war es, Abwasser und Scheiße in einen Hotelgulli abzulassen. Der Gärtner hatte gesagt, wir sollen an der Rezeption um Erlaubnis fragen. Die Rezeptionstante sagte, sie kann es nicht entscheiden und der Chef sei nicht da. Da Bonita schon übel riechende Blähungen und starken Harndrang hatte, sagten wir dem Gärtner einfach, wir dürften die Brühe ablassen. Wir sahen keine andere Möglichkeit und ließen einfach laufen. In Mittelamerika, was so gut wie keinen Wohnmobiltourismus hat, sind viele Dinge, die in den USA ganz selbstverständlich und ohne Probleme liefen, halt etwas anspruchsvoller für uns.
Nach einigem Suchen hatten wir einen supertollen Stellplatz  auf einem Parkplatz direkt am Eingang vom Nationalpark gefunden. Uns wurden sogar eine Toilette und eine Dusche zur Verfügung gestellt. Abends haben Beatrix und ich Bauernsalat mit Spagetti und pfupfiger (siehe Wortschatzerweiterung) Tomatensoße gemacht. Am nächsten Morgen war ich mit Beatrix und Marcel auf einer kleinen Shoppingtour, wir haben Marcels Pura-Vida-Shirt und das Batikkleid für Beatrix mit den Teufelsfratzen gekauft, welchen den Anreiz für die Geschichte „Das Teufelskleid“ gab. Oh man war das heiß. Aber immerhin haben wir auf dem Weg Affen gesehen, wie sie über die Stromleitung die Straßenseite gewechselt haben. Wir buchten eine Tour mit dem „Ocean King“, dem größten Katamaran Mittelamerikas. Uns wurde versichert, dass der Transport und auch das Schiff rollstuhlgängig seien. War es natürlich überhaupt nicht. Marcel: „Eigentlich war ich gar nicht überrascht, weil der häufigste Satz in Mittelamerika ist „Das ist kein Problem“, aber wenn sie dann meinen Rollstuhl sehen und mich darin, dann machen sie sich schon ein paar Gedanken und die meisten Blicke fallen dann immer auf meine Hände. Wir wollten den ganzen Katamaranausflug schon abbrechen, als wir den komplett unrollstuhlgängigen Kleinbus sahen, der uns zum Hafen bringen sollte. Aber wir können ja nicht nur den ganzen Tag immer in Bonita sitzen und „Cats and Dogs“ spielen.“
Um Marcel an Board des Katamarans  zu kriegen, musste er etwa 1,5 Meter hochgehoben werden. Aber dann war alles super. Pfupfige (siehe Wortschatzerweiterung) Musik, open bar, frisches Obst und ein kalter Hottube trugen zu unserem Wohlbefinden an Board bei. Ich habe Beatrix zum Schnorcheln überredet. Ihr erster Schnorchelausflug begann mit Lachkrämpfen, weil wir mit Flossen, Maske und Schnorchel so lustig aussahen. Im Wasser hat mir so ein Typ erst einen Seestern und später eine Seespinne auf die Hand gesetzt. Es gab auch Rutschen vom Oberdeck in den erfrischenden Pazifik. René und ich haben uns sogar getraut, die etwa fünf Meter vom Oberdeck ins Wasser zu springen. Anschließend haben wir Delfine gesehen und superleckeren Fisch zum Abendessen bekommen. Leider war Marcel nur schon recht müde von dem Stress mit der Hinfahrt, der Hitze und der Shoppingtour. Doch alles in allem war es trotz Startschwierigkeiten ein richtig toller Ausflug.
Am nächsten Tag machten wir einen Ausflug in den Manuel Antonio Nationalpark. Kommentar Marcel: „Also der Park war nicht rollstuhlgängig. Der Weg war mit großen Steinen gespickt, sehr anstrengend zum Stoßen geschweige denn selber fahren. Auf einer geteerten Flächen, konnte ich 4-5 Meter selbst fahren. Die Aussicht war sehr schön.“
Wir mussten Marcel bei einer Affenhitze (im wahrsten Sinnen des Wortes, da wir viele Affen sahen), die zum Glück durch die Bäume etwas gedämpft wurde, circa zwei Kilometer in den Urwald hineinschieben. Bis wir an einem wunderschönen Bilderbuchstrand, der einfach nur der dritte Strand genannt wird, kamen. Marcel hat dort „Die Tribute von Panem, Teil 2“ gelesen und ich bin mit Beatrix gewandert und René war schwimmen. Für mich war es bis jetzt der schönste Nationalpark auf dieser Reise. Wir haben Kapuzineraffen,  Brüllaffen und Totenkopfaffen (auch als Eichhörnchenaffen bekannt) gesehen. Das Türkis des Wassers war einfach der Hammer. Eigentlich wollten wir am Abend im „Avion“ zu Abend essen. Das Avion ist etwas Besonderes. In einem richtigen Flugzeug zu essen und zu trinken mit Aussicht über die Bucht, schien uns spektakulär. Wir waren also sehr gespannt. Wir bestellten ein Rollstuhltaxi und waren alle sehr erwartungsvoll, was uns erwarten würde. Nach wenigen Minuten erreichte uns tatsächlich ein Taxi mit einer Rampe für Rollstuhlfahrer. Nur leider war es zu kurz für Marcel. Und alle Rollstuhlfahrer, die mitfahren wollten, mussten wie in einem Liegestuhl sitzen. Marcel: „Da konnte ich nicht mitfahren. Auch wenn die Hintertür zugegangen wäre, hätte das volle Gewicht auf meiner eh schon angeknaxten Rückenlehne gehangen. Netter Ansatz, aber blöd umgesetzt.“ Der Traum vom Fliegen auf Erden war geplatzt. Also gingen wir zu Fuß ins Unterdorf und aßen dort im Café del Mare am schwarz rauschenden Pazifik. Die zunächst schüchtern wirkende Bedienung hatte keine Berührungsängste und massierte Marcel die Hände mit einem Desinfektionsmittel  ein.
Nachts hatten wir wieder Strom, obwohl wir die Nacht zuvor die Sicherungen des Parkplatzbesitzers Walter verschmort hatten. Wir haben einen Kurzschluss verursacht, da die Stromanlagen hier nicht auf unser Wohnmobil, das mit Klimaanlage, Marcels E-Motion-Rädern, Kühlschrank usw. bis zu 30 Amper frisst, ausgelegt sind.
Am nächsten Tag sind wir nach einem Fotostopp am „Avion“ Richtung San José aufgebrochen. Immerhin… Wir hatten eine schöne Scenicfahrt am Pazifik entlang. Bei der Hautstadt San José haben wir drei Campingplätze angefahren. Zwei standen in meinem Reiseführer und einen hatte Lydia die Zweite gefunden. Aber keiner existierte mehr. In Mittelamerika ist vieles sehr kurzlebig, wie wir auch schon zuvor mehrmals mitbekommen haben. An einem der Stellplätze prangt nun ein nagelneues Einkaufszentrum, was es in einem Jahr vielleicht auch schon nicht mehr geben wird. Dann fanden wir in einem bewachten Neubaugebiet doch noch eine Übernachtungsmöglichkeit. Das lange Suchen hatte sich gelohnt, denn der Ausblick über die Lichter der Stadt war wirklich beeindruckend. Bei diesem tollen Panorama schmeckten die selbstgemachten Burritos gleich doppelt so gut.
Einen Kahlschnitt beim Friseur gab es für Marcel am nächsten Morgen, während wir seine Rollstuhlreifen an einer Tankstel le aufpumpen ließen. Die Panoramafahrt zum Volcán Irazú war wirklich spannend, besonders als wir die Wolkengrenze erreichten und wir teilweise nur noch die Bergspitzen sehen konnten. Es sah aus als würden wir auf einer Insel in den Wolken fahren und hinunter auf viele weitere Wolkeninseln blicken. Der Vulkan war sogar teilweise rollstuhlgängig. „Der Weg war okay und dann konnte ich halt in so einen Krater reingucken. Und nachher noch ein Aussichtspunkt, das war´s. Aber die Fahrt war echt schön.“ Schade, dass der Irazú Marcel nicht ganz überzeugen konnte, also bei mir hat er es jedenfalls geschafft. Der grüne See, einen abgeflachten Krater, in den man hineingehen konnte und dann die tolle Aussicht waren schon sehr speziell. Mit Bonita sind wir zu einem Aussichtspunkt bis auf 3432 Meter über dem Meeresspiegel gefahren. Direkt neben dem Eingang zum Nationalpark haben wir bei einer Rangerstation auf einer Wolkeninsel geschlafen. Es war echt atemberaubend, im wahrsten Sinne des Wortes, weil die Luft dort oben schon langsam dünn wurde.
Nach einer ziemlich kühlen Nacht genossen wir die schöne Fahrt hinunter und weiter nach Sarchi, die Stadt der Ochsenkarren. Wir schlenderten durch das Städtchen und besichtigten die größte Ochsenkare der Welt, die wunderschön bemalt war. Anschließend besuchten wir die Fabrik Eloy Alfaro, wo die Ochsenkarren gefertigt werden. Uns wurde erklärt, wie mit Hilfe von Wasserkraft und einer antiken Maschine aus Leipzig die historischen Karren gefertigt werden. Der Handwerker Enrique Viegas Molina, der uns herumführte, erklärte uns, dass es unklar sei woher die Idee und die Muster für die bunten Ochsenkarren stammten. Aber er vermute, dass sie von deutschen Einwanderern kamen und die Ticos das Kunsthandwerk noch verfeinert haben. Wir fragten Enrique, ob er uns etwas auf Bonitas Hinterteil malen könnte. Und tatsächlich, nun hat Bonita eine Arschgeweih-Tätowierung  in Form eines kunstvoll verzierten Herzens mit ihrem Namen in der Mitte.
Auf der Weiterfahrt hielten wir noch kurz im hübschen Städtchen Zarcero. Ein schön verzierter Park mit Buchsbaumbögen und -figuren umschmeichelt die Kirche.
Eigentlich wollten wir noch weiter nach La Fortuna fahren, aber da es schon dämmerte, mussten wir uns ein Nachlager suchen. Die Cabinas Francescas in La Marina bei Ciudad de Quesada kamen dafür gerade recht. Nach einer mückenstrichfreien (siehe Wortschatzerweiterung)  Nacht, nahm die freundliche Herbergsmutter Heylin René und Marcel mit zu einer Hausbesichtigung.
Anschließend brachte uns Bonita die vom Vortag übrig gebliebenen Kilometer nach La Fortuna. Dort besichtigten wir zunächst den La Fortuna Wasserfall. Marcel konnte nur bis zum Aussichtpunkt mitkommen und dann auch nur unterhalb der mit vielen Stufen versehenden Aussichtsplattform den Wasserfall nur durch das Blattwerk erspähen. René und ich waren am Grund des Wasserfalls baden. Der Fall hatte enorme Kraft, so dass es uns nur begrenzt möglich war, an ihn heranzuschwimmen. Bei den wunderschönen Cabinas Catarrata mit einem Balkon in den Dschungel hinein, haben wir uns drei Tage lang ausgeruht, um wieder etwas Kraft zu tanken.
Was wäre wohl passiert, wenn der Vulkan Arsenal, der aussieht als sei er aus einem Bilderbuch entflohen, ausgebrochen wäre? Wenn uns wie in Pompeji Asche und Lava verschüttet hätte, in welcher Haltung würde man uns wohl finden? Höchstwahrscheinlich würde Beatrix gerade an Marcels Laptop sitzen und Fötolis (siehe Wortschatzerweiterung)  ins Internet laden, René würde noch die Imperialbierflasche in seinem Skelett von Hand halten, Marcel würde mit seinen gefährlichen Döggelis (siehe Wortschatzerweiterung) und seinem Mördernagel (siehe Wortschatzerweiterung) gegen die Lavamassen ankämpfen, während meine Überreste, das ganze Geschehen zu fotografieren scheinen.
Rollstuhltaxi Klappe, die Zweite: Den Rückweg von der Lava-Bar wollten wir uns die kaputte Straße im Dunkeln ersparen. Aus diesem Grund bestellten wir ein Rollstuhltaxi. Es kam recht schnell eins, aber die Rampe war schon wieder funktionsunfähig. Nachdem wir gefühlte Ewigkeiten auf ein weiteres Rollstuhltaxi gewartet hatten, entschieden wir uns dafür, Marcel in ein normales Taxi zu heben. Es hat uns überrascht, dass der Taxifahrer uns kostenlos zurück zu den Cabinas fuhr. Es sagte, er wisse nicht, ob er morgen nicht auch im Rollstuhl sitzen würde und dass wir eine beeindruckende Familie seien (siehe „Familie auf Zeit“).
Am selben Abend tranken wir noch Seco Hererrano. Ich wollte etwas Verrücktes machen und habe mit Rolli ein Fotoshooting im Kühlschrank gemacht. Dann habe ich mit ihm gewettet, dass sich Beatrix auch in den Kühlschrank setzt. Rolli hat dagegen gewettet und damit gewonnen. Also musste ich eine halbe Orange vom Baum neben der Cabina wie ein Monster neben Marcels Bett essen.
Am nächsten Tag waren Beatrix und René in heißen Quellen baden. Ich habe die meiste Zeit vor meinem Netbook verbracht und an Reiseberichten und der Reiseplanung gearbeitet. Es war ja sooo schwer so viel streichen zu müssen, um die Zeit wenigstens annähernd wieder einzuholen, die wir durch die Probleme bei der Verschiffung verloren hatten. Marcel hat mir später geholfen und wir haben ein regelrechtes Streichkonzert veranstaltet. Der Balkon unserer mit viel Liebe gestalteten Cabina war einfach wie geschaffen zum Schreiben. Ich saß in einem Schaukelstuhl und lauschte immer wieder dem Wasserplätschern und den vielen Vögeln, darunter auch grüne Papageien und Kolibris.
Wer könnte die kleine Schweiz in Costa Rica besser beschreiben, als ein echter Schweizer. Im Folgenden beschreibt Marcel unsere Erlebnisse, die wir auf der Anlage des Hotels „Los Heroes“ sammeln durften:
Ich war ja so gespannt auf die kleine Schweiz, in Costa Rica.
Wir fuhren nach Nuevo Arenal, es sah aus wie am Vierwaldstättersee.
Das Hotel sah aus wie ein Berner Chalet, mit viel Geschichte darauf, von Winkelried über die Schlacht am Morgarten bis zum Rütlischwur.
Das Hotel war so liebevoll ausgestattet, dass ich mir das erste Mal seit langer Zeit wie in der Schweiz vorkam. Das Hotel war zwar nicht rollstuhlgängig, aber mit viel Liebe eingerichtet, die Details waren grandios (rot-weisse Tischtücher, Glocken, tolle Bilder über die Geschichte der Schweiz usw), einfach Wau!
Solche Hotels habe ich bis jetzt nur in der Schweiz gesehen…
Ok. Wir sind ja nicht nur hergekommen um das Restaurant anzuschauen, sondern die Hauptattraktion ist die Bahnfahrt zum Drehrestaurant Schilthorn.
Wie groß war meine Vorfreude, mit einer Schmalspurbahn auf das Costa Rica Schilthorn zu fahren. Wie meistens in Mittelamerika, ist die Vorfreude groß und die Ernüchterung noch größer, ich komme nicht in die Wagons. OK, d.h. umplanen, rauf will ich, dann halt mit Bonita. Stefan, der Sohn fuhr voraus. René und ich hinterher. Zwischendurch hielten wir an und machten Fotos von den Mädels, die mit der Dampflok unterwegs waren. Als wir oben ankamen, schlug das Wetter um. OK, its Fondue time und wir bestellten die Käsesuppe, die man mit kleinen Brotstückchen in die heiße Käsemischung tunkt. War das lecker und die Zeit zwischendurch nutzen wir um das tolle Panorama im Drehrestaurant zu genießen.
Sie hatten extra das Gaglon hochgebracht und das Fonduegeschirr, um bei mir und Beatrix Heimatgefühle aufkommen zu lassen. Tolle Sache, tolles Essen, sie haben es geschafft. Nachdem wir den Mittagsschlaf direkt vor der Tür vom Schilthorn gemacht hatten, entschlossen wir uns, mit vollem Käsebauch runter zu fahren, um dort auf dem Parkplatz zu übernachten. Was eine gute Idee war, da wir natürlich noch ein bisschen im Restaurant „Cats and Dogs“ spielen wollten. Am nächsten Tag aßen wir noch Frühstück bei ihnen und genossen das tolle Brot. Franz backte uns dann noch zwei Brote, die leider nicht mal 24 Stunden alt wurden. Es war für mich eine tolle Sache, in die kleine Schweiz von Costa Rica zu fahren.
Mit dem frischgebackenen Brot von Franz im Gepäck fuhren wir weiter über die Schotterpiste um den Lago Arsenal. Wir wurden ganz schön durchgeschüttelt und waren froh, als wir endlich in Santa Elena ankamen und Bonita noch ganz war. Dank Rollis Charme durften wir auf dem Parkplatz einer Zahnarztpraxis übernachten. Abends spielten wir noch „Cats und Dogs“. Da Marcel Profi in diesem Spiel ist, gewann bis zu diesem Zeitpunkt immer sein Zweierteam.
Am nächsten Tag besuchten wir den Nebelwald Monteverde. Ein Nebelwald ist ein bestimmter Typ Wald, der in den Tropen und Subtropen vorkommt. Seinen Namen hat er, weil der Wald durch das feuchtes Klima oft in Wolken oder Nebel eingehüllt ist.
Um Bonita zu schonen, riefen wir ein Rollstuhltaxi. Marcel: „Das Rollstuhltaxi war  `ne Katastrophe. Der gleiche Konstruktionsfehler, wie bei dem Taxi im Manuel Antonio Nationalpark. Aber diesmal ging die Tür zu und ich hing wie in einem Liegestuhl. Jenny musste mich die ganze Fahrt über am Arm nach vorne ziehen. Ich hatte Angst, dass meine eh schon angeknackste Rückenlehne bricht.“ Der Rundweg im Abschnitt Santa Elena war leider nur 500 Meter rollstuhlgängig. Aber immerhin konnten wir einen kleinen Einblick in die spezielle Vegetation erhaschen. Diese 500 Meter sollten aber nicht das Einzige bleiben, was wir von dem Nebelwald Monteverde zu sehen bekommen sollten. Wir ließen uns mit dem chaotischen Rollstuhltaxi über die Holperstaßen zum „Trainforest“ kutschieren. Dort erlebten wir eine riesen Überraschung. Die komplette Attraktion war rollstuhlgängig. Sogar der Weg zum Bahnhof war mit Rampen versehen. In dem kleinen Zug gab es einen Wagon, in dem Marcels Rollstuhl, ähnlich wie in Bonita, befestigt wurde. Wir fuhren mitten durch den Nebelwald bis zu einem Aussichtspunkt von dem wir noch mal den Lago Arsenal und auch den gleichnamigen Bilderbuchvulkan sehen konnten. Es war recht kühl und wir konnten uns mit Tee und „La Dulce“ (typisches Getränk aus Zuckerrohr) etwas aufwärmen, bevor es durch den schönen mit Moos bewachsenen Wald zurück zum Ausgangspunkt ging. Für den Rückweg zur Zahnarztpraxis zogen wir ein nicht rollstuhlgängiges Taxi vor und setzten Marcel auf den Beifahrersitz.
Nach einer weiteren Holperfahrt am folgenden Tag schauten wir uns bei Cañas die Tierauffangstation „Las Pumas“ an, die von einer Schweizerin gegründet wurde. Wir übernachteten beim Hotel Capazuri, wo wir auch den Kinderpipipool benutzen durften.
Unsere letzte Sehenswürdigkeit in Costa Rica war der Santa Rosa Nationalpark, der älteste und größte des Landes. Zunächst waren wir etwas enttäuscht, da viele Wege, wegen Ausbesserungsmaßnahmen, gesperrt waren und um Vögu (siehe Wortschatzerweiterung) zu beobachten war es zu windig. Da es aber einen Campingplatz im Park gab, blieben wir dennoch. Alleine schon von unserem Quartier aus sahen wir Affen, Rehe, viele verschiedene Vögel, darunter auch wilde Truthähne und René sah sogar eine kleine Tapirart. Beatrix und ich folgten einem gesperrten Indianerpfand und wanderten ein wenig durch den Park. Es hätte hier sogar asphaltierte Wege gegeben, auf denen Marcel etwas mehr vom Park hätte sehen können.
Wir hatten nach dem letzten super anstrengen Grenzübergang von Panama nach Costa Rica schon Angst vor der Grenze nach Nicaragua. Aber alles lief recht gut und nach etwa zwei Stunden war die Sache geritzt und das Abenteuer Nicaragua erwartete uns.

 

Halbes Jahr (Rückblick)

Ich weiss noch genau, wie ich mich gefühlt habe am 12. August, vor der Abreise.

Ist das richtig was ich mache oder einfach ein blöder Wunsch nach Selbstbestimmung oder gar egoistisch von mir, mich mit drei Menschen einzulassen, denen ich meinen Traum auferlegen will.

Die zwar schon mit mir Kontakt hatten, aber trotzdem keine Ahnung von mir haben, ich meine von Marcel, wie ich bin und lebe. Mit meinen Schwächen und Stärken. Denn wenn ich auch nur eins gelernt habe auf dieser Reise, wenn man so nahe mit anderen Menschen lebt, dann kommt dein Inneres hervor. Sei es schon nach einem Monat, aber bestimmt nach einem halben Jahr. Da kannst du dich noch so verstellen, irgendwann zeigst du es, ob du willst oder nicht. Wer zeigt schon gerne Schwächen? Irgendwann kommen sie raus, dann versteht man auch besser bei gewissen Tagesstrukturen das Verhalten dieser Person.

Die Reise fing gar nicht gut an durch die ganze Visageschichte (siehe Bericht 1 vom August 2012). Als wir dann trotzdem durch den Zoll kamen, habe ich gedacht, jetzt kann uns nichts mehr passieren, dass war aber nur der erste Stein von einem ganzen Haufen, den wir aus dem Weg schaufeln mussten. Und auch weiterhin müssen, denn Reisen ist nicht nur „sun, fun and nothing to do“. Es steckt sehr viel mehr dahinter.

Dann kam der Umbau von Bonita, da ich nicht transferieren konnte vom Rollstuhl ins Bett. Wir, d.h. Kurt riss die Dusche hinaus und montierte ein Elektrobett hinein. Was absolut das Beste war, was uns passieren konnte. Die ganze Geschichte nahm 2 Wochen in Anspruch.
Was mich aber am meisten überrascht hat, sind die zwischenmenschlichen Probleme, die uns tagtäglich über den Weg laufen. Dies war in den ersten 6 Monaten die grösste Herausforderung, was mich zum Teil schon sehr zermürbte und ich mich fragte, wieso tue ich mir das an…

Unterdessen weiss ich es. Das ist mein Weg, um den Menschen Mut zu machen, denen wir begegnen. Nun weiss ich, dass man sehr viel erreichen kann, auch wenn man körperlich eingeschränkt ist und für die kleinste Hilfestellung jemanden braucht. Die interessantesten Erfahrungen machte ich bis jetzt in Mittelamerika. Dort begegneten mir die Menschen mit sehr viel Zurückhaltung, aber gleichzeitig mit sehr viel Offenheit. Kein Wunder ich bin mit grösster Wahrscheinlichkeit der erste Tetraplegiker den sie sehen. Dafür wollen mich die Kinder immer anfassen, ich denke um zu schauen, ob ich echt bin. Dann weiss ich wieder wieso ich die Reise mache, wenn in gewissen Momenten nicht für mich, dann sicher für die Menschen, die durch mich neuen Lebensmut schöpfen und so wieder ein Licht am Horizont sehen. Mein wichtigstes Fazit des halben Jahres: Geniesse die Zeit, die du hast und trauere nicht der Zeit nach, die du nicht hast.

 


2 Responses to Februar 2013

  1. nlya

    Wow, welch unglaubliche Geschichten – ob erlebt oder fiktiv! Einfach toll!!!

  2. Klaus

    Wieder tolle Geschichten im Februar.
    Viele Grüße an alle aus Kummerfeld und noch eine gute Reise.
    Klaus

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